LIEBLINGSPLATZ SEIN

Welche Rolle spielt Sprache für unsere Beziehung zur Natur? Dieser persönliche Essay verbindet Erinnerungen, Naturverbundenheit und Gedanken aus „Geflochtenes Süßgras“ von Robin Wall Kimmerer mit der Frage, wie wir uns wieder als Teil der Natur erleben können.

Der Geruch des Feldes

Es gibt einen Geruch, den es nicht im Wald gibt. Diesen besonderen Geruch gibt es nur auf freiem Feld. Auf einem Feldweg mit hohem Gras direkt neben einem Feld mit Gerste. Ich weiß nicht, ob es das Gras ist, das so speziell riecht. Oder die noch grüne Gerste. Vielleicht ist es die Mischung aus beidem. Oder etwas ganz anderes, das mit hineinspielt in diese Geruchskomposition.
Dieser Geruch löst sofort etwas in mir aus. Erinnerungen und Gefühle aus der Kindheit tauchen auf. Erinnerungen an die frühen Stunden langer Wanderungen auf dem Jakobsweg. Es sind nicht einmal konkrete Bilder, die erscheinen, sondern eher emotionale Mini-Flashbacks. Eine Sehnsucht wird in mir wach und für einen Moment tauche ich in eine andere Welt ein.
In diesem Zustand fällt Druck von mir ab. Für einige Augenblicke bin ich sehr wohlwollend mir gegenüber. Ich habe das Gefühl, dass meine Seele gestreichelt wird.

Während ich noch in diesem Gefühl unterwegs war, musste ich an ein Buch denken, das mich gerade begleitet.
Zur Zeit lese ich Geflochtenes Süßgras von Robin Wall Kimmerer, einer Angehörigen der Citizen Potawatomi Nation. Sie ist Botanikerin und Wissenschaftlerin. In ihrem Buch beschreibt sie unter anderem, wie sie beginnt, ihre Muttersprache zu lernen. Es gibt nur noch acht Menschen ihres Stammes, die diese Sprache beherrschen.

Sprache und Beziehung zur Natur

Eine Besonderheit dieser Sprache ist die Vielzahl an Pronomen. Es gibt nicht nur er, sie oder es, sondern unter anderem auch eine sprachliche Unterscheidung zwischen belebt und unbelebt. So gibt es zum Beispiel nicht den Satz: „Das ist eine Bucht“, sondern eher ein „Bucht sein“. Der Bucht wird sprachlich Lebendigkeit zugewiesen.
Die Bucht ist in diesem Fall kein Objekt, sondern ein Subjekt. Und das verändert natürlich auch meine Beziehung zu ihr. In dem Augenblick, in dem ich die Bucht nicht mehr objektiviere, sie nicht mehr als ein „Es“ benenne, verhalte ich mich wahrscheinlich auch anders in ihr. Vielleicht respektvoller. Würdigender. Aufmerksamer. Vielleicht hinterlasse ich weniger Spuren. Vielleicht verstehe ich in diesem Moment sogar, dass ich nicht getrennt bin von dem Ort, an dem ich mich befinde. Dass ich, solange ich in dieser Bucht bin, auch Teil dieser Bucht bin.

Mir gefällt der Gedanke, dass die Pronomendebatte für mich dadurch eine ganz andere Relevanz bekommt. Und besonders gefällt mir die Vorstellung, dass ich meinen Lieblingsplatz nicht mehr nur als Ort begreife, sondern als etwas Lebendiges. Aus „der Lieblingsplatz“ wird plötzlich „Lieblingsplatz sein“.

Nicht getrennt sein

Vielleicht war es genau dieser Geruch auf dem Feld, der mich daran erinnert hat, dass ich Teil der Natur bin. Teil des Feldes. Teil des Grases. Vielleicht entspannt mich dieser Geruch genau deshalb so sehr. Weil er mich erinnert. Daran, dass ich wohlwollend mit mir sein darf. Dass meine Seele manchmal einfach nur eine Streicheleinheit braucht.

Und dabei wird mir bewusst, wie eindimensional und limitierend Sprache manchmal ist. Stell dir vor, wir hätten eine Sprache, in der die Lebendigkeit der Natur kein theoretisches Konzept wäre, sondern gelebte Kultur. Wie würde unser Denken aussehen? Unser Handeln? Unser Verhältnis zur Erde? Vielleicht würden wir uns weniger getrennt fühlen. Weniger über der Natur stehen. Vielleicht würden wir wieder lernen, Beziehung zu erleben statt nur Umgebung zu konsumieren.

Vielleicht brauchen wir genau solche Momente draußen in der Natur, um uns daran zu erinnern. Nicht theoretisch. Sondern körperlich spürbar. Durch einen Geruch. Durch Stille. Durch Gehen. Durch einfaches Dasein.

Genau solche Erfahrungsräume entstehen für mich auch im True Nature Retreat. Räume, in denen Natur nicht Kulisse ist, sondern Beziehung. Und in denen wir uns vielleicht wieder ein kleines Stück daran erinnern, dass wir nicht getrennt sind von dem, was uns umgibt.