Das leere Blatt

Ein Bild, das ich zu Beginn vieler Retreats verwende, ist das eines weißen, unbeschriebenen Blattes.

Dieses weiße Blatt steht für die Sehnsucht nach dem Unschuldigen, dem Unvoreingenommenen, dem Puren, dem Unverfälschten und Leichten.
Für das, zu dem wir wieder werden können – oder zumindest wieder in Kontakt kommen dürfen.
Es ermöglicht einen anderen Blick auf uns selbst und auf die Welt.

Bei den meisten von uns ist auf diesem Blatt kaum noch ein weißer Fleck zu sehen.
Es ist dicht beschrieben.
Mit den mehr oder weniger ständig präsenten Erfahrungen unseres Lebens. Vollgeschrieben mit Meinungen und Annahmen,
die wir uns im Laufe der Jahre zu eigen gemacht haben.
Geschwärzt durch Prägungen unserer Kultur, unserer Erziehung,
unserer sozialen Position, unserer Geschichte und unserer Traumata.

Dieses fast schwarze Blatt wiegt schwer.
Es zieht nach unten, weil es wie ein Filter für unsere Wahrnehmung wirkt.
Alles, was wir denken, fühlen, hören, sehen und erleben,
wird durch dieses Skript eingefärbt.
Es ist das Gegenteil einer neutralen, offenen Wahrnehmung.

Gerade in Zeiten ständiger Erreichbarkeit, permanenter Reize
und digitaler Präsenz wird dieses Gewicht für viele noch spürbarer.
Stille – auch digitale Stille – ist deshalb kein Rückzug,
sondern eine Form von Entlastung und Selbstschutz.

Deshalb liebe ich meine Wander- & Achtsamkeit-Retreats.
In der Stille entsteht die Möglichkeit, klar(er) zu werden.
Um im Bild zu bleiben:
Vielleicht nicht, um das Blatt ganz zu leeren,
aber um das eine oder andere behutsam auszuradieren.

Allein dadurch, dass du schweigst,
musst du keine Rolle spielen.
Die klare Tagesstruktur nimmt dir die Pflicht,
dich um alles kümmern zu müssen.
Geführte Wanderungen bringen dich aus dem Kopf in den Körper.
Sanftes Yoga ebenso.
Meditationen und stilles Sitzen ermöglichen einen Blick
auf das Gedankenchaos –
und oft auch eine allmähliche Beruhigung.

Ich möchte dir nicht versprechen,
dass du nach drei oder vier Tagen
wie ein leeres Blatt zurückkehrst.
Aber dein Maß an Klarheit kann sich spürbar verändern.
Manchmal reicht genau das,
um wieder anders weiterzugehen.

Diese Form der Klärung ist zu unterschiedlichen Zeiten möglich.
Und doch gibt es Momente, in denen der Bedarf besonders deutlich wird.