Achtsamkeit & Zeugnis ablegen

Achtsamkeit & Zeugnis ablegen

Lesedauer: 2:30 min

Zum Zeugen werden, Zeugnis ablegen, den Moment bezeugen, all dies ist Vokabular aus vielen buddhistischen Meditationen.
Was aber genau bedeutet dies? Hier kommt meine Version:

Als ich 1999 auf einer Pilgerwanderung mit dem Titel Schritte der Heilung quer durch Deutschland unterwegs war, wurde die Praxis des Zeugnis-ablegen jeden Tag praktiziert.
Tagtäglich gab es einen Sharing-Circle, in dem jeder Teilnehmer seine Erfahrungen geteilt hat.
Wir waren in dieser Zeit in einem für meine Verhältnisse extremen Kontext unterwegs:
Unsere Wander-Route ging immer an Bundesstraßen oder Landstraßen entlang, die zum Teil stark befahren waren. Der Mönch, der vorne voran ging, ein ehemaliger Vietnam-Veteran, hat ein sehr schnelles Tempo von 6-6,5 km/h vorgelegt. Wir waren ohne Geld und nur mit unserem Personalausweis unterwegs. Wir wussten nie, wo wir am nächsten Tag übernachten konnten.
Die Strecke führte von Berlin bis Trier entlang der Greuelstätten des NS-Regimes: an KZ-Außenlagern, an Euthanasieanstalten, an Konzentrationslagern, an Deportationsstätten, Gefangenenlagern und an Massengräbern. Wir haben in Gaskammern meditiert, wir haben die Namen der Getöteten laut vorgelesen, wir sind die gleichen Wege gegangen, die die Menschen zu den Waggons führten, in denen sie in die Gaskammern deportiert wurden.

Völlig aus einem mehr oder weniger sicheren, vorbestimmten und routinierten Leben herausgerissen, haben wir uns dieser Herausforderung gestellt. Haben uns mit dem Krieg und der Gewalt, die in uns selbst ist, auseinandergesetzt.

Klar, dass das nicht spurlos und ohne Widerstand an mir und den anderen vorbei gegangen ist.
Fakt ist: Du bist in solchen Umständen extrem viel näher dran am Leben. Deine Erfahrungen, dein Erleben der Welt, deine inneren Prozesse sind auf einmal viel deutlich wahrnehmbar für dich. Die Verdrängungsmechanismen, die du bisher erfolgreich gepflegt hast, fliegen dir mit jedem Tag mehr und mehr um die Ohren bis sie unter deinen Händen zerbröseln. Irgendwann checkst du, dass etwas in dir passiert. Ganz allmählich begreifst du, dass etwas Altes von dir abfällt und etwas Neuem Platz macht.

Das war damals alles mit viel Schmerz verbunden, mit Tränen, mit Wut und viel Hilflosigkeit.
Und da kommt Zeugnis-ablegen ins Spiel:
Du bezeugst vor dir und den anderen, was in dir passiert. Das tust du, indem du in dich hineinhorchst. Dir Zeit lässt zum Spüren und Wahrnehmen in dir. Das ist ein sehr emotionales Geschehen, indem du zuerst deine inneren Prozesse bezeugst. Du wirst im ersten Schritt zum Zeugen deiner selbst.

Dabei ist dein Intellekt im Idealfall nur der Diener deiner Wahrnehmung. Quasi der Steigbügelhalter um das Erlebte/Wahrgenommene in Worte zu kleiden. Übernimmt der  Intellekt beim Zeugnis-ablegen jedoch die Oberhand und du fängst an irgendwelche theoretischen Ableitungen abzusondern, legst du nur Hirnschiss ab. Bleibt der Intellekt der Diener, wirst du dich durch den Prozess des Zeugnis-ablegens neu kennenlernen.
Du öffnest dich der Welt und die Welt öffnet sich dir. Das ist der zweite Schritt. Das erfordert Mut sich verletzbar zu zeigen. Verletzbarkeit ist menschlich und verbindet dich mit deiner Herzensgüte und den Menschen, Tieren und der Natur um dich herum. Jetzt können andere Menschen bezeugen, was in dir geschieht.

Zeugnis-ablegen ist ein Prozess in dem Verbundenheit entsteht und sich die Trennung zwischen dir und deiner Umwelt auflöst.

Danke

By |Juni 27th, 2020|Allgemein|Kommentare deaktiviert für Achtsamkeit & Zeugnis ablegen

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Wanderer, Pilger auf dem Jakobsweg, Achtsamkeitslehrer, Anfänger, Zen-übender, Coach für Klarheit schreibt genau über die Themen.